Die freie Presse

...und eine Ullstein-Fotografie aus dem Jahr 1928 (Teil 1/2)

A group of people sitting at tables

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Photo: ullstein bild

Die Fotografie mit der ullstein bild Mediennummer 06485243 zeigt den Verein deutscher Zeitungsverleger, Tagung in Berlin, Teilnehmer bei einem Frühstück in der Halle des Ullstein-Druckhauses in Tempelhof, veröffentlicht Berliner Morgenpost, 05.10.1928, Aufnahme: A. u. E. Frankl

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Frau Kornfeld, wir sprechen heute über eine einzige Originalfotografie aus der Sammlung Ullstein bei ullstein bild: Sie zeigt die Teilnehmer der Tagung des Vereins deutscher Zeitungsverleger von 1928 im Ullstein-Haus in Berlin-Tempelhof. Warum hat dieses Bild ihr Interesse geweckt?

Die Fotografie, die einen Raum voller Zeitungsredakteure und Verleger in Berlin zeigt, hat mich fasziniert seit ich sie zum ersten Mal sah. Ich veröffentlichte 2021 mein Buch Passionate Publishers über die drei deutsch-jüdischen Flüchtlingsemigranten, die 1935 die Fotoagentur Black Star in Manhattan gründeten, und erkannte einen der Gründer, Kurt Safranski, auf diesem Foto. Ich würde gerne die Namen aller Publizisten in diesem Raum kennen, ihre Rolle bei der Veröffentlichung von Nachrichten und ihr Schicksal nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland 1933. Dieses Ziel ist zwar noch nicht erreicht, aber es gibt Fortschritte.

Die Aufnahme wurde am 05. Oktober 1928 veröffentlicht und stammt aus der Agentur der beiden Fotografen Alfred & Eduard Frankl in Berlin-Steglitz / ullstein bild Mediennummer 06485243. Von diesen beiden Fotografen wissen wir, dass sie zu den gefragtesten ihrer Zeit gehörten und zahlreiche Bilder bei Ullstein publizierten, besonders in der auflagenstarken Berliner Illustrirten Zeitung. Der heutige Bestand bei ullstein bild beläuft sich daher auf ca. 1.700 Originalfotografien. Unter welchen Voraussetzungen entstand diese Aufnahme?

Am Donnerstag, dem 04. Oktober 1928, machte ein unbekannter Fotograf der Fotoagentur A. & E. Frankl vom Treppenhaus des monumentalen Ullstein-Druckhauses in Tempelhof aus eine Aufnahme des darunter liegenden Raumes. Auf dem Foto, das in der Morgenausgabe der Berliner Morgenpost veröffentlicht wurde, sind etwa siebzig Männer und Frauen zu sehen, die nach einer Führung durch die Ullstein-Druckerei in Tempelhof ein spätes Frühstück einnahmen. Laut dem Artikel, der das Foto begleitet, war dies die Eröffnungsveranstaltung eines Programms von Aktivitäten rund um die Jahrestagung des Verbands Deutscher Zeitungsverleger, die zum ersten Mal seit dem Sommer 1911 wieder in Berlin stattfand.

Welche näheren Informationen konnten Sie dem Zeitungstext und der Fotografie entnehmen?

In demselben Artikel heißt es, dass bis zu 700 Mitglieder des Verbandes mit ihren Ehefrauen den Tag mit einer Besichtigung des Ullstein-Gebäudes in der Kochstraße begannen, bevor sie in dreiundzwanzig Luxusbusse (ullstein bild Mediennummer 00196110) stiegen, um nach Tempelhof zu fahren. Da das neue Ullstein-Gebäude dort erst rund zwei Jahre vor dem Treffen fertig gestellt wurde, ist es nicht verwunderlich, dass zahlreiche Pressevertreter aus Berlin und aus ganz Deutschland einen Blick auf die hochmoderne Anlage werfen wollten. Angesichts des großen Andrangs bei der Besichtigung ist es gut möglich, dass den Besuchern im großen Speisesaal des Gebäudes auch ein Frühstück serviert wurde. Das Wetter spielte mit, die Temperatur lag um die 10 Grad Celsius und der Himmel war leicht bewölkt, so dass sich die Besucher auch auf der angrenzenden Terrasse aufgehalten haben könnten.

Der Fotograf forderte die Leute offenbar auf, zu ihm aufzuschauen, und die meisten taten dies auch, einige lächelten zuvorkommend, andere wirkten eher skeptisch. So entstand ein einzigartiges Bild der führenden Zeitungsverleger und Redakteure in Deutschland vor fast einhundert Jahren. Die auf dem Foto eingefangene Atmosphäre ist die einer starken, weitgehend fröhlichen Menschenmenge.

Wie lassen sich weitere wichtige Bedingungen im zeitlichen Umfeld dieser Fotografie beschreiben?

Im vorangegangenen Jahrzehnt hatten die Deutschen Krieg, Niederlagen, revolutionäre und aufständische Aktivitäten sowie eine Vielzahl verheerender wirtschaftlicher Härten erlebt, darunter Hyperinflation und fast lähmende Reparationsverpflichtungen. 1928 schien das Schlimmste hinter ihnen zu liegen. Die erfolgreiche Internationale Presseausstellung, die Pressa, wurde im Mai in Köln eröffnet und sollte am 14. Oktober enden. Beide Feierlichkeiten wurden vom Oberbürgermeister der Stadt, Konrad Adenauer, geleitet, der die spätere Verfolgung durch die Nazis überlebte und von 1949 bis 1963 der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland wurde. 

In den Nächten vom 13. bis 16. Oktober 1928 erstrahlte Berlin in einer Ausstellung mit dem Titel Berlin im Licht, die vom Verein Berliner Kaufleute und Industrieller organisiert und durch private Spenden finanziert wurde. Flutlichtshows, die Beleuchtung von Schaufenstern und öffentlichen Straßen und Gebäuden sowie Neonreklamen in der Stadt sollten Licht in die Dunkelheit bringen. Ein weiterer Höhepunkt der Veranstaltung war die Aufführung des Liedes von Kurt Weill mit dem Text von Bertold Brecht Berlin im Licht. Das Foto vom 4. Oktober 1928 im Ullstein-Haus in Tempelhof spiegelt dieses Gefühl einer zukunftsorientierten Positivität nach vielen schwierigen Jahren wider. 

Natürlich wussten die Menschen auf dem Foto von 1928 nicht, dass eine weltweite Wirtschaftskrise kurz bevorstand und dass nur fünf Jahre später, als das autoritäre Naziregime an die Macht kam und die freie Presse zum Schweigen brachte, viele in diesem Raum das Recht auf Ausübung ihres Berufs verlieren, das Land verlassen, inhaftiert, in den Selbstmord getrieben oder getötet werden würden. In manchen Fällen wurden ihre Zeitungen im Zuge der Gleichschaltung der Presse enteignet und folglich zu einem von der Regierung betriebenen rassistischen Sprachrohr, zu einem Instrument der Propaganda. Anderen in diesem Raum gelang es, während der Nazizeit und nach der Niederlage Deutschlands weiter zu publizieren, in einigen Fällen sogar trotz des anfänglichen Verbots ihrer Beteiligung an der Nachkriegspresse aufgrund ihrer früheren Unterstützung des Hitler-Regimes.

Wie nähern Sie sich der Identifikation der Teilnehmenden im Berliner Ullstein-Haus?

Nur wenige Verleger und Redakteure auf der Veranstaltung können mit großer Sicherheit identifiziert werden. Das Schwarz-Weiß-Foto ist nicht kristallklar, aber ein Vergleich mit einem Sepia-Rescan erleichtert die Identifizierung der Anwesenden. Es ist sehr schwierig, die Frauen auf dem Foto zu identifizieren, da die meisten von ihnen die damals modischen glockenförmigen, enganliegenden Cloche-Hüte trugen, die die Sicht auf ihre Gesichter beeinträchtigten. Selbst die Frau, die eine Männerkrawatte trägt, hat einen solchen Hut auf. 

Erschwerend für die Identifizierung der Personen in diesem Raum kommt hinzu, dass es kaum erhaltene Bilder der betreffenden Verlagsmitarbeiter gibt. Die wahrscheinlich umfangreichste Quelle für zeitgenössische Fotos der Publizisten wurde bei Ullstein aufbewahrt, digital über ullstein bild oder in den gedruckten Publikationen über das Unternehmen, wie dem 1927 erschienenen Buch 50 Jahre Ullstein. 1877-1927. Sie ermöglichen die Identifizierung einer ganzen Reihe von Ullstein-Managern und -Redakteuren sowie von Ullstein-Verlegern beim Frühstück.

Welche anderen konkreten Quellen gewähren Aufschluss über die bildliche Darstellung und stellen belastbare Zusammenhänge her?

Der Zeitungs-Verlag, die vom Verband Deutscher Zeitungsverleger herausgegebene Zeitung, ist eine Quelle für zeitgenössische Fotos von Verbandsmitgliedern, vor allem aber von ranghöchsten Mitgliedern des Verbandes. Diese Männer, und es waren alles Männer, werden sicherlich an der Jahresversammlung teilgenommen haben, aber nur wenige von ihnen sind auf dem Foto zu sehen.

Kurt Safranski, Geschäftsführer der Ullstein-Zeitschriftenabteilung, bewahrte ein Fotoalbum auf, das ihm von Kollegen geschenkt wurde, als er 1934 bei Ullstein ausschied. Es enthält ausdrucksstarke Schwarz-Weiß-Porträtaufnahmen mit den Unterschriften von dreiundzwanzig Personen und ermöglichte die Identifizierung der Personen auf dem Foto von 1928. Das Album wurde dem Unternehmensarchiv Axel Springer 2019 von den Erben Kurt Safranskis geschenkt.

Stefan Lorant von der Münchner Illustrierten Presse erkannte, dass der Berufsstand es versäumte, den Lesern Bilder von den Personen zur Verfügung zu stellen, die die Artikel schrieben, die täglich in der Presse erschienen. Um den Namen ein Gesicht zu geben, erstellte Lorant das Buch So sehen wir aus mit einem Foto oder einer Zeichnung von etwa neunzig Pressevertretern, die am jährlichen Presseball in Berlin anlässlich des vierzigjährigen Jubiläums 1930 teilgenommen hatten. Lorant war zusammen mit den Ullstein-Verantwortlichen Kurt Korff und Kurt Safranski ein Pionier der illustrierten Presse im Deutschland der Weimarer Zeit und später, nach seiner Entlassung aus sechs Monaten Nazi-Gefängnis 1933, im britischen und amerikanischen Exil. Der informative und unterhaltsame Band So sehen wir aus zeigt Lorants Talent und bewahrt Bilder, die sonst nur sehr schwer zu finden sind.

Die Arbeiter Illustrierte Zeitung von Willi Münzenberg schließlich trug zur fotografischen Erinnerung an zahlreiche linke Redakteure und Journalisten bei. Sie zeigt auf zwei Seiten zweiunddreißig Fotos von Publizisten, die zu den insgesamt fünfundsechzig Personen gehörten, welche zwischen Ende 1929 und Ende 1930 zu Haftstrafen verurteilt wurden. Die Fotos wurden 1974 in Heinz Willmanns Buch Geschichte der Arbeiter-Illustrierten Zeitung 1921-1938 (Berlin: Dietz Verlag) abgedruckt und lassen vermuten, dass mindestens ein Publizist der linksgerichteten Presse an dem Frühstück bei Ullstein teilnahm.

Darüber hinaus konnten Sie auch eine Reihe von Herausgebern und Publizisten auf der Fotografie identifizieren.

Ja, mein Vorhaben umfasst auch Recherchen, um die Namen der Publizisten zu ermitteln, die an dem von Ullstein veranstalteten Frühstück teilgenommen haben könnten. Die leichten Unterschiede im Stil der Anzüge, Hemdkragen und Krawatten der Männer machen deutlich, dass die Teilnehmer nicht alle aus Berlin, dem Zentrum des Zeitungswesens in der Weimarer Zeit, stammten. Anwesend waren auch Vertreter der „Provinzzeitungen“, wie die Zeitungen außerhalb Berlins genannt wurden. Kurt Koszyks Deutsche Presse 1914-1945 (Berlin: Colloquium Verlag, 1972) ist eine unschätzbare Quelle für das Verständnis der komplizierten Landschaft des deutschen Zeitungswesens zu jener Zeit und enthält Informationen über viele der Publizisten aus dem ganzen Land. Doch selbst wenn die Namen bekannt sind, ist der nächste Schritt – die Suche nach Fotos oder Porträts dieser Verleger und Redakteure – äußerst mühsam und in einigen Fällen scheinbar unmöglich.

Können Sie einige Anwesende an diesem 04. Oktober 1928 bei Ullstein in Berlin sicher benennen? Und zu welcher Schlussfolgerung kommen Sie?

Im Folgenden werde ich kurz die Personen beschreiben, von denen ich mit großer Sicherheit sagen kann, dass sie an dem Frühstück teilgenommen haben, gefolgt von Beschreibungen anderer Personen, von denen ich annehme, dass sie auf dem Foto zu sehen sind, jeweils in alphabetischer Reihenfolge. 

Ich bin mir der Gefahr einer Verwechslung durchaus bewusst. Sollte ich mich geirrt haben, entschuldige ich mich und freue mich über Korrekturen. Ich denke, das Risiko ist es wert, eingegangen zu werden, denn das Foto des Ullstein-Verlags, der ein breites Spektrum von Pressevertretern empfängt, ist eine wichtige Erinnerung an das pulsierende Zeitungswesen in Deutschland im Jahr 1928. Die hier anwesenden Publizisten nahmen ihr Recht auf freie Meinungsäußerung in der Zeit unmittelbar vor der Abschaffung dieses Rechts durch Hitlers Machtergreifung im Jahr 1933 aktiv wahr. Wenn man ihre Namen und Lebensgeschichten kennt, kann man sich daran erinnern, was verloren gehen kann, wenn es nicht gelingt, eines der wichtigsten Merkmale einer Demokratie zu schützen: eine freie Presse.

Vielen Dank, Frau Kornfeld, für dieses Gespräch!

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Dies war TEIL I des Interviews mit Phoebe Kornfeld: Die freie Presse – und eine Ullstein-Fotografie aus dem Jahr 1928
(Lesen Sie hier Teil 2/2)

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Fragen: Dr. Katrin Bomhoff, ullstein bild collection.

Erstveröffentlichung am 24. März 2025.

In der Galerie sehen Sie eine Auswahl von Originalfotografien aus der fotografischen Sammlung Ullstein.

Das entsprechende Dossier finden Sie bei ullstein bild. 

Kontakt

Dr. Katrin
Bomhoff
Senior Manager Asset & Exhibition
+49 30 2591 73164
Phoebe
Kornfeld
Buchautorin Kornfeld (Mitte) und die Enkelinnen von Kurt Safranski, Stacey (l.) und Devon Fredericks (r.), in New York.